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Morgens, halb 10. Ein durch­schnitt­li­cher Büroraum mit ein paar Schreibtischen, Computermonitoren. Leise Geräusche von Fingern, die auf Tastaturen tip­pen, Gesprächsfetzen aus dem Flur. Sie sit­zen ent­spannt auf ihrem Bürostuhl und beant­wor­ten E‑Mails.

Dann pas­siert es.

Ihr Telefon klin­gelt. Laut und durch­drin­gend erreicht das Geräusch Ihre Ohren. Ein Blick auf das Telefondisplay zeigt eine unbe­kann­te Nummer. Ihnen wird erst heiß, dann kalt, Sie begin­nen zu schwit­zen. Es klin­gelt wei­ter, „nun geh doch end­lich ran“, zischt eine Kollegin. Nur wie, fra­gen Sie sich.

Immer mehr Menschen lei­den unter einer Telefonphobie. Das hat ver­schie­de­ne Gründe und ist nicht immer dra­ma­tisch. Trotzdem kann die Angst vorm Hörer auch gefähr­lich wer­den. Wie wir das Telefonieren ver­lernt haben – und war­um wir es drin­gend wie­der ler­nen müs­sen, erläu­tern wir Ihnen in die­sem Artikel.

Wie unser Kommunikationsverhalten eine Telefonphobie begünstigt

Die Telefonphobie ist (noch) kein kli­nisch erfass­tes Phänomen. Mediziner glau­ben aller­dings, dass es sich als Ausprägung einer Soziophobie zu einem ent­wi­ckeln könn­te.

Grund ist ein ver­än­der­tes Kommunikationsverhalten, das immer stär­ker auf digi­ta­le als auf direk­te Kommunikation setzt. Schon lan­ge tele­fo­nie­ren jun­ge Menschen nicht mehr. Treffen mit Freunden wer­den per Chat ver­ein­bart, län­ge­re Inhalte als Sprachnachricht gesen­det oder per Live über sozia­le Medien ver­mit­telt. Selbst die Großeltern sind via Messenger erreich­bar.

Gleichzeitig fin­det auch all­täg­li­che Kommunikation digi­tal statt: Friseurtermine kön­nen per Online-Formular ver­ein­bart wer­den. Die Arztpraxis bit­tet expli­zit um Terminvereinbarung per E‑Mail. Und wenn man doch mal direkt irgend­wo anruft um etwas in Erfahrung zu brin­gen, kommt nicht sel­ten die Bitte, das Anliegen schrift­lich zu for­mu­lie­ren und eine Mail zu sen­den.

Die Telefonangst hat verschiedene Ausprägungen

Kein Wunder also, dass die Aussicht auf ein Telefonat bei man­chen (übri­gens nicht nur jun­gen) Menschen Unwohlsein – oder eben auch Angst – pro­vo­ziert.

Es gibt sie in ver­schie­de­nen Ausprägungen, u.a. Angst davor:

  • selbst jeman­den anzu­ru­fen
  • ange­ru­fen zu wer­den
  • vor Verhaspeln oder Stottern
  • Gesprächspartner falsch zu ver­ste­hen
  • sich selbst falsch aus­zu­drü­cken
  • etwas Wichtiges zu ver­ges­sen
  • sich zu bla­mie­ren
  • abge­wim­melt zu wer­den

Es kann sein, dass jemand, der kein Problem damit hat, vor vie­len Menschen einen Vortrag zu hal­ten, ins Schwitzen gerät, wenn er jeman­den anru­fen soll. Und für eine ande­re Person kann es uner­träg­lich und läh­mend sein, auf einen ver­ein­bar­ten Anruf zu war­ten. Wir haben das Telefonieren ver­lernt.

Wir müssen das Telefonieren wieder lernen

Die schlech­te Nachricht: Ohne das Telefon geht es nicht. Spätestens mit dem Eintritt ins Berufsleben gewinnt das Telefonieren rasant an Bedeutung: Es ist direk­ter als eine Mail und schnel­ler zu rea­li­sie­ren als ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht.

So hilf­reich die digi­ta­le Kommunikation (auch und ins­be­son­de­re am Arbeitsplatz) ist, so umständ­lich ist sie auch. Denn sie pro­vo­ziert Missverständnisse und kann den Informationsfluss damit sogar ver­lang­sa­men. Das direk­te Gespräch kann kein digi­ta­ler Kommunikationsweg erset­zen.

Klingt nach düs­te­ren Aussichten. Aber: Wenn wir von Telefonphobie spre­chen, müs­sen wir unter­schei­den. Steckt dahin­ter eine ech­te Angststörung? Oder ist die Angst vorm Hörer doch nur ein Resultat der sozia­len Prägung?

Während die ech­te Soziale Phobie ein gro­ßes Problem für die betrof­fe­ne Person dar­stel­len kann, ist die ein­fa­che Angst vorm Telefonieren oft nur in feh­len­der Übung begrün­det. Sehr oft beob­ach­ten wir die­ses Phänomen übri­gens beim Autofahren: Wer sel­ten fährt, hat häu­fig umso mehr Angst davor.

Arbeitgeber können den Lernprozess unterstützen

Es gibt zahl­rei­che Strategien, Telefonangst zu über­win­den. Die bes­te lau­tet in die­sem Fall: Konfrontation. Oder auch: üben, üben, üben.

Arbeitgeber kön­nen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dabei unter­stüt­zen. Beispielsweise mit kla­ren Kommunikationsrichtlinien:

  • Für wel­che Art von Kommunikation soll das Telefon genutzt wer­den, wozu die Mail, wozu der Chat?
  • Wie mel­de ich mich am Telefon, wenn ich ange­ru­fen wer­de? Wie, wenn ich jeman­den anru­fe? Bestenfalls unter­schei­den Sie hier noch nach Gesprächspartner (intern, extern, Kunde usw.)
  • Ermöglichen Sie Ihren Angestellten, selbst Telefonzeiten fest­zu­le­gen. So kön­nen sie sich Routinen schaf­fen.

Außerdem kön­nen fir­men­in­ter­ne Kommunikationstrainings hel­fen – sowie gene­rell eine Unternehmenskultur, in der Ängste offen the­ma­ti­siert und Lösungswege ange­bo­ten wer­den (bei­spiels­wei­se zur Vorbereitung auf ein wich­ti­ges Telefonat).

Arbeitnehmer, die unter Telefonangst lei­den, kön­nen das Problem aber auch selbst ange­hen, indem sie sich bei­spiels­wei­se Routinen schaf­fen – etwa einen all­ge­mein­gül­ti­gen Einstiegssatz. Hilfreich sind auch Listen mit Sätzen und Strategien, die auf bestimm­te Situationen ange­wen­det wer­den kön­nen. Etwa „Hallo Frau X, ich suche einen Ansprechpartner zu Thema Y, kön­nen Sie mir dabei wei­ter­hel­fen?“ oder „Ich habe zu Thema X bereits mit Herrn Y gespro­chen, hät­te aber noch eine Nachfrage“.

Belauschen Sie ruhig auch mal Ihre Kollegen, wenn die tele­fo­nie­ren und notie­ren Sie sich Sätze wie die­se. Oder spre­chen Sie sie an und bit­ten sie um Hilfe.

Nicht zuletzt kann übri­gens auch der Ort ent­schei­dend für den Verlauf eines Telefonats sein. Manche Menschen haben kein Problem damit, im Großraumbüro zu tele­fo­nie­ren, ande­re sind lie­ber ganz allei­ne. Verlassen Sie also, wenn mög­lich, das Büro und suchen Sie sich einen Ort, an dem Sie sich ger­ne auf­hal­ten. Denn wenn Sie sich wohl­füh­len, sind Sie ent­spann­ter. Und das merkt auch Ihr Gegenüber.

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