Nur noch schnell die Füßchen anschrauben – und fertig ist das neue Wohnzimmerschränkchen. Zwei Stunden Arbeit und ein paar Flüche, auf die wir an dieser Stelle nicht näher eingehen wollen, gehören der Vergangenheit an. Das Möbelstück macht eine gute Figur, und das liegt nicht zuletzt an besagten zwei Stunden Arbeit.
Wenn wir aktiv an etwas mitwirken können, bewerten wir das Ergebnis positiver. Das Phänomen ist als IKEA-Effekt bekannt, aber es reicht deutlich über den Möbelaufbau hinaus. Was wir selbst mit aufgebaut oder gestaltet haben, erscheint uns wertvoller.
Dieser Effekt lässt sich auch im Arbeitsalltag feststellen: Neue Regelungen, wichtige Entscheidungen oder Projekte finden wir besser, wenn wir uns beteiligen können.
Der IKEA-Effekt funktioniert, weil er unser Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit befriedigt. Wenn wir etwas durch eigene Anstrengung schaffen, stärkt das das Vertrauen in unsere Fähigkeiten und damit den Wert, den wir dem Ergebnis beimessen.
Das selbst aufgebaute Schränkchen ist dafür ein gutes Beispiel. Weitere gefällig?
Genau hier wird der IKEA-Effekt interessant für Unternehmen – aber auch gefährlich.
Mehr Eigenverantwortung führt zu höherem Engagement und stärkerer Identifikation mit der Arbeit, zu mehr Arbeitszufriedenheit, Kreativität, besseren Teamzusammenhalt und weniger Widerstand gegenüber Veränderungen. Möglicherweise führt sie sogar zu mehr Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit. Sie birgt aber auch Gefahren und Fettnäpfchen – dann nämlich, wenn eigene Leistungen überschätzt werden und die Kritikfähigkeit sinkt.
Viel Selbstverantwortung kann dazu führen, dass Mitarbeiter die eigene Arbeit oder ihr eigenes Projekt überschätzen. Weil sie Zeit, Mühe und Energie investiert haben, erscheint ihnen das Ergebnis wertvoller, als es objektiv vielleicht ist. Kritik am Ergebnis wird dann schneller als Kritik an der eigenen Person oder Leistung wahrgenommen und selbst konstruktive Kritik kann schmerzhafter sein.
Mehr Beteiligung kann also Engagement und Ownership erhöhen, andererseits aber die Bereitschaft erschweren, die eigene Lösung kritisch zu hinterfragen.
Deshalb ist es besonders wichtig, nicht alle ihr eigenes Süppchen kochen zu lassen und gleichzeitig den ständigen Austausch über Projekte zu fördern. So, wie auch Google es seinen Mitarbeitern vorgab: Die Projektentwicklung ist eher unternehmenskulturelle Praxis als fester Bestandteil der Arbeitszeit. Und die Projekte müssen zum Ziel haben, andere zu überzeugen.
So weit wie Google müsst ihr übrigens gar nicht gehen. Eine vollständige Projektverantwortung ist selten nötig, schon ein kleiner Beitrag stärkt das Gefühl der Verbundenheit.
Wenn ihr also beispielsweise ein neues Zeitmanagementsystem einführen möchtet, übertragt diese Aufgabe nicht einer Einzelperson, sondern mindestens einem Team. Ermöglicht darüber hinaus aber allen, sich in einer Ideenfindungsphase einzubringen. Dann wird die Akzeptanz zur Einführung des neuen Systems weit höher sein.
Der IKEA-Effekt funktioniert nicht automatisch. Unternehmen müssen darauf achten, klare Grenzen und Erwartungen zu setzen, genügend Unterstützung bereitzustellen und ein Gleichgewicht zwischen Beteiligung und effizientem Arbeiten zu finden. Außerdem braucht es einen guten Umgang mit unterschiedlichen oder widersprüchlichen Meinungen. Dann ist er ein gutes Mittel, Identifikation und Verantwortungsbewusstsein zu steigern.
Wir setzen den IKEA-Effekt sehr gezielt in Change- und Transformationsprojekten ein. Sowohl als Werkzeug, um Mitarbeitende für den Prozess zu öffnen – als auch für die Erfolgssicherung. Denn beim Machen fallen oft Dinge auf, die anders sein sollten. Und wer ist besser geeignet, dafür eine Lösung zu finden, als die Macher selbst?
Vor allem in Digitalisierungs- und ganz besonders bei der Einführung von Künstlicher Intelligenz (KI) in Organisationen ist der IKEA-Effekt unverzichtbar. Hier steht er bei uns ganz oben auf der Toolbox-Liste.
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