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Stellen Sie sich vor, Sie dürf­ten heu­te mal zwei Stunden frü­her Feierabend machen. Morgen auch. Ach, gehen Sie doch ein­fach immer frü­her nach Hause und genie­ßen Sie Ihre Freizeit. Natürlich bei vol­lem Gehalt und Urlaubsanspruch.

Können Sie sich vor­stel­len, was Sie alles machen könn­ten, wenn Sie pro Tag zwei Stunden zusätz­lich zur Verfügung hät­ten? Mehr Zeit für die Familie, mehr Zeit für den Haushalt, für Freunde und für Hobbys, oder um ein­fach mal die Füße hoch zu legen. Das klingt viel­leicht zu gut um wahr zu sein, ist aber mach­bar.

Nicht nur für Arbeitnehmer bie­tet der 6‑Stunden-Tag zahl­rei­che Vorteile. So para­dox es zunächst klin­gen mag: Auch Arbeitgeber pro­fi­tie­ren, wenn Mitarbeiter weni­ger Zeit mit der Arbeit ver­brin­gen. Erste Studien legen sogar nahe, dass sich das lang­fris­tig finan­zi­ell aus­zahlt. Und das Modell ist in viel mehr Branchen und Unternehmen umsetz­bar als Sie viel­leicht den­ken.

Zu viel Arbeit schadet der Gesundheit und der Kreativität

Unser Arbeitspensum hat sich seit der Jahrtausendwende enorm ver­dich­tet. Einfache Tätigkeiten wer­den von Maschinen über­nom­men. Doch der Mensch wird wei­ter­hin gebraucht: Als Feuerwehrmann im über­tra­ge­nen Sinne, der ein­greift, wenn es brenz­lig wird, oder als krea­ti­ver Entwickler.

Das Gehirn ist per­ma­nent im Einsatz. Und wir gön­nen ihm in acht Stunden Büroalltag sel­ten eine Pause. Das hat schwer­wie­gen­de Folgen: Stress, Burnouts, Krankschreibungen.

Eine zu lan­ge und zu inten­si­ve Beschäftigung mit der Arbeit scha­det der Gesundheit – und lang­fris­tig auch der Motivation, der Produktivität und der Kreativität. Das ist wis­sen­schaft­lich erwie­sen. Und gera­de die Kreativität braucht Freiraum und Ablenkung, um sich zu ent­fal­ten.

Würden wir nur sechs Stunden am Tag arbei­ten, hät­ten wir nicht nur mehr Freizeit, son­dern auch weni­ger Stress und mehr Raum für Ideen (außer­dem müss­ten wir kon­zen­trier­ter arbei­ten und hät­ten weni­ger Zeit für sinn­lo­se Meetings).

Unternehmen hin­ge­gen pro­fi­tie­ren von weni­ger Krankheitstagen, zufrie­de­ne­ren Mitarbeitern und bes­se­ren Chancen im Kampf um Talente – und im bes­ten Fall von gestei­ger­ter Produktivität.

Der Sechs-Stunden-Tag darf keine weitere Verdichtung bedeuten

Soweit die Theorie. Um sicher­zu­stel­len, dass die Arbeit sich durch den 6‑Stunden-Tag nicht noch wei­ter ver­dich­tet, müs­sen unter Umständen zusätz­li­che Mitarbeiter ein­ge­stellt wer­den. Das gilt ins­be­son­de­re dort, wo Schichten besetzt wer­den müs­sen – etwa in einem Krankenhaus oder einem Pflegeheim.

Doch gera­de für den Gesundheitssektor ist der 6‑Stunden-Tag ein loh­nens­wer­tes Modell. Denn dort sind Fachkräfte häu­fig schlecht bezahlt und über­ar­bei­tet.

Vom Krankenhaus zum Autobauer: Für wen sich der 6‑Stunden-Tag auszahlt

Wer am Fließband arbei­tet, bringt in acht Stunden ziem­lich genau 33 Prozent mehr Leistung als in sechs. Doch in so gut wie allen ande­ren Berufen ist die Produktivität viel schwe­rer in Zeit zu mes­sen. Insbesondere in kom­ple­xen und krea­ti­ven Berufen ver­lau­fen Zeit und Produktivität näm­lich nicht line­ar.

Schließlich kann ein PR-Manager in der Toilettenpause die zün­den­de Idee für einen Werbespot haben, sie im Anschluss auf­schrei­ben und dann sie­ben Stunden Däumchen dre­hen. Und die Entwicklerin hat den bes­ten Einfall zur Lösung eines Problems viel­leicht nicht am Büroschreibtisch, son­dern beim Zähneputzen.

Und wir wis­sen, dass eine gute Idee oft genau dann daher­kommt, wenn wir uns gera­de gar nicht mit der Arbeit beschäf­ti­gen. Deshalb sind wir auf Erfahrungswerte ange­wie­sen. Die ers­ten Experimente jeden­falls geben Anlass zum Hoffen.

So führ­te etwa das Sahlgrenska-Krankenhaus im schwe­di­schen Mölndal 2014 den 6‑Stunden-Tag ein, um dro­hen­dem Personalmangel zu begeg­nen. Mit Erfolg. Die Uniklinik wur­de als Arbeitgeber wie­der attrak­ti­ver, die Krankmeldungen san­ken und die Wirtschaftlichkeit ver­bes­ser­te sich.

Das Toyota-Werk im schwe­di­schen Göteborg führ­te den 6‑Stunden-Tag schon 2004 ein. Mit fol­gen­dem Ergebnis: Die Arbeitnehmer waren in sechs Stunden genau­so pro­duk­tiv wie in acht. Gleichzeitig wur­de der Gesamtumsatz gestei­gert.

Und Microsoft stei­ger­te sei­ne Produktion in Japan nach der Einführung einer 4‑Tage-Woche bei glei­chem Gehalt um 40 Prozent.

Der Flow ist entscheidender als die Zeit

Dass weni­ger Arbeit in krea­ti­ven oder kom­ple­xen Berufen zu einer Produktivitätssteigerung füh­ren kann, ist leicht erklärt. Wenn wir ein Problem lösen – sei es tech­ni­scher oder krea­ti­ver Natur – befin­den wir uns in einer Art Flow. Die Gedanken spru­deln dann gera­de­zu und wir sind hoch kon­zen­triert. Eine McKinsey-Studie legt nahe, dass wir in die­sen Zeiträumen bis zu 500-mal pro­duk­ti­ver sind als in ande­ren Phasen.

Entscheidend ist dem­nach also nicht, wie lan­ge wir bei der Arbeit sind, son­dern wie gut wir in den Flow kom­men und wie viel Arbeit zu viel ist, weil das Gehirn irgend­wann abschal­tet und wir anfan­gen zu pro­kras­ti­nie­ren.

Reduzieren braucht Zeit

Die Umstellung auf sechs Stunden täg­li­che Arbeitszeit ist ein Prozess und muss von allen Mitarbeitern im Unternehmen getra­gen wer­den. Von heu­te auf mor­gen umzu­stel­len, ist zwar ein muti­ger Schritt. Allerdings müs­sen auch die Strukturen ange­passt und gege­be­nen­falls zusätz­li­ches Personal ein­ge­stellt wer­den.

Mal mit dem Thema zu expe­ri­men­tie­ren scha­det aber auch nicht. Schließlich wer­den wir nur schlau­er, wenn wir bestimm­te Dinge aus­pro­bie­ren. So wie der Internettelefonie-Dienstleister Sipgate.

Die Düsseldorfer stell­ten wäh­rend der Corona-Pandemie fest, dass die Mitarbeiter im Home-Office zwar pro­duk­ti­ver waren, aber unter den feh­len­den Sozialkontakten lit­ten.

Als Ausgleich star­te­te Sipgate ein auf sechs Wochen begrenz­tes 6‑Stunden-Experiment, das die feh­len­den Sozialkontakte mit mehr Freizeit und Flexibilität aus­glei­chen soll­te. Bei den Mitarbeitern stieß das auf sehr posi­ti­ve Resonanz. Nach der Testphase ist man erst­mal zum 8‑Stunden-Tag zurück­ge­kehrt – und wer­tet die Ergebnisse aus. Man hat bis­her ein durch­aus posi­ti­ves Resümée gezo­gen: Zum einen las­sen sich Besprechungen und ande­re Abstimmungen ohne Qualitätsverlust von 60 auf 45 Minuten kom­pri­mie­ren. Zum ande­ren ist man nun noch fle­xi­bler, um auf Ausnahmesituationen zu reagie­ren. Beispielsweise, wenn auf­grund einer Pandemie die Schulen schlie­ßen und Eltern neben der Arbeit zusätz­li­che Zeit fürs Home-Schooling brau­chen. Auch etwas, das ein Arbeitgeber mit ein­pla­nen muss.

Und wenn Sie wis­sen wol­len, wie sich eine 4‑Tage-Woche anfühlt, schau­en Sie doch mal hier vor­bei: Nie mehr Montag.

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