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Sechs Stunden reichen

17. März 2022

Stellen Sie sich vor, Sie dürften heute mal zwei Stunden früher Feierabend machen. Morgen auch. Ach, gehen Sie doch einfach immer früher nach Hause und genießen Sie Ihre Freizeit. Natürlich bei vollem Gehalt und Urlaubsanspruch.

Können Sie sich vorstellen, was Sie alles machen könnten, wenn Sie pro Tag zwei Stunden zusätzlich zur Verfügung hätten? Mehr Zeit für die Familie, mehr Zeit für den Haushalt, für Freunde und für Hobbys, oder um einfach mal die Füße hoch zu legen. Das klingt vielleicht zu gut um wahr zu sein, ist aber machbar.

Nicht nur für Arbeitnehmer bietet der 6-Stunden-Tag zahlreiche Vorteile. So paradox es zunächst klingen mag: Auch Arbeitgeber profitieren, wenn Mitarbeiter weniger Zeit mit der Arbeit verbringen. Erste Studien legen sogar nahe, dass sich das langfristig finanziell auszahlt. Und das Modell ist in viel mehr Branchen und Unternehmen umsetzbar als Sie vielleicht denken.

Zu viel Arbeit schadet der Gesundheit und der Kreativität

Unser Arbeitspensum hat sich seit der Jahrtausendwende enorm verdichtet. Einfache Tätigkeiten werden von Maschinen übernommen. Doch der Mensch wird weiterhin gebraucht: Als Feuerwehrmann im übertragenen Sinne, der eingreift, wenn es brenzlig wird, oder als kreativer Entwickler.

Das Gehirn ist permanent im Einsatz. Und wir gönnen ihm in acht Stunden Büroalltag selten eine Pause. Das hat schwerwiegende Folgen: Stress, Burnouts, Krankschreibungen.

Eine zu lange und zu intensive Beschäftigung mit der Arbeit schadet der Gesundheit – und langfristig auch der Motivation, der Produktivität und der Kreativität. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Und gerade die Kreativität braucht Freiraum und Ablenkung, um sich zu entfalten.

Würden wir nur sechs Stunden am Tag arbeiten, hätten wir nicht nur mehr Freizeit, sondern auch weniger Stress und mehr Raum für Ideen (außerdem müssten wir konzentrierter arbeiten und hätten weniger Zeit für sinnlose Meetings).

Unternehmen hingegen profitieren von weniger Krankheitstagen, zufriedeneren Mitarbeitern und besseren Chancen im Kampf um Talente – und im besten Fall von gesteigerter Produktivität.

Der Sechs-Stunden-Tag darf keine weitere Verdichtung bedeuten

Soweit die Theorie. Um sicherzustellen, dass die Arbeit sich durch den 6-Stunden-Tag nicht noch weiter verdichtet, müssen unter Umständen zusätzliche Mitarbeiter eingestellt werden. Das gilt insbesondere dort, wo Schichten besetzt werden müssen – etwa in einem Krankenhaus oder einem Pflegeheim.

Doch gerade für den Gesundheitssektor ist der 6-Stunden-Tag ein lohnenswertes Modell. Denn dort sind Fachkräfte häufig schlecht bezahlt und überarbeitet.

Vom Krankenhaus zum Autobauer: Für wen sich der 6-Stunden-Tag auszahlt

Wer am Fließband arbeitet, bringt in acht Stunden ziemlich genau 33 Prozent mehr Leistung als in sechs. Doch in so gut wie allen anderen Berufen ist die Produktivität viel schwerer in Zeit zu messen. Insbesondere in komplexen und kreativen Berufen verlaufen Zeit und Produktivität nämlich nicht linear.

Schließlich kann ein PR-Manager in der Toilettenpause die zündende Idee für einen Werbespot haben, sie im Anschluss aufschreiben und dann sieben Stunden Däumchen drehen. Und die Entwicklerin hat den besten Einfall zur Lösung eines Problems vielleicht nicht am Büroschreibtisch, sondern beim Zähneputzen.

Und wir wissen, dass eine gute Idee oft genau dann daherkommt, wenn wir uns gerade gar nicht mit der Arbeit beschäftigen. Deshalb sind wir auf Erfahrungswerte angewiesen. Die ersten Experimente jedenfalls geben Anlass zum Hoffen.

So führte etwa das Sahlgrenska-Krankenhaus im schwedischen Mölndal 2014 den 6-Stunden-Tag ein, um drohendem Personalmangel zu begegnen. Mit Erfolg. Die Uniklinik wurde als Arbeitgeber wieder attraktiver, die Krankmeldungen sanken und die Wirtschaftlichkeit verbesserte sich.

Das Toyota-Werk im schwedischen Göteborg führte den 6-Stunden-Tag schon 2004 ein. Mit folgendem Ergebnis: Die Arbeitnehmer waren in sechs Stunden genauso produktiv wie in acht. Gleichzeitig wurde der Gesamtumsatz gesteigert.

Und Microsoft steigerte seine Produktion in Japan nach der Einführung einer 4-Tage-Woche bei gleichem Gehalt um 40 Prozent.

Der Flow ist entscheidender als die Zeit

Dass weniger Arbeit in kreativen oder komplexen Berufen zu einer Produktivitätssteigerung führen kann, ist leicht erklärt. Wenn wir ein Problem lösen – sei es technischer oder kreativer Natur – befinden wir uns in einer Art Flow. Die Gedanken sprudeln dann geradezu und wir sind hoch konzentriert. Eine McKinsey-Studie legt nahe, dass wir in diesen Zeiträumen bis zu 500-mal produktiver sind als in anderen Phasen.

Entscheidend ist demnach also nicht, wie lange wir bei der Arbeit sind, sondern wie gut wir in den Flow kommen und wie viel Arbeit zu viel ist, weil das Gehirn irgendwann abschaltet und wir anfangen zu prokrastinieren.

Reduzieren braucht Zeit

Die Umstellung auf sechs Stunden tägliche Arbeitszeit ist ein Prozess und muss von allen Mitarbeitern im Unternehmen getragen werden. Von heute auf morgen umzustellen, ist zwar ein mutiger Schritt. Allerdings müssen auch die Strukturen angepasst und gegebenenfalls zusätzliches Personal eingestellt werden.

Mal mit dem Thema zu experimentieren schadet aber auch nicht. Schließlich werden wir nur schlauer, wenn wir bestimmte Dinge ausprobieren. So wie der Internettelefonie-Dienstleister Sipgate.

Die Düsseldorfer stellten während der Corona-Pandemie fest, dass die Mitarbeiter im Home-Office zwar produktiver waren, aber unter den fehlenden Sozialkontakten litten.

Als Ausgleich startete Sipgate ein auf sechs Wochen begrenztes 6-Stunden-Experiment, das die fehlenden Sozialkontakte mit mehr Freizeit und Flexibilität ausgleichen sollte. Bei den Mitarbeitern stieß das auf sehr positive Resonanz. Nach der Testphase ist man erstmal zum 8-Stunden-Tag zurückgekehrt – und wertet die Ergebnisse aus. Man hat bisher ein durchaus positives Resümée gezogen: Zum einen lassen sich Besprechungen und andere Abstimmungen ohne Qualitätsverlust von 60 auf 45 Minuten komprimieren. Zum anderen ist man nun noch flexibler, um auf Ausnahmesituationen zu reagieren. Beispielsweise, wenn aufgrund einer Pandemie die Schulen schließen und Eltern neben der Arbeit zusätzliche Zeit fürs Home-Schooling brauchen. Auch etwas, das ein Arbeitgeber mit einplanen muss.

Und wenn Sie wissen wollen, wie sich eine 4-Tage-Woche anfühlt, schauen Sie doch mal hier vorbei: Nie mehr Montag.

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